03 Nov 2015

„Willkommen in Deutschland?“ Ein Workshop für von Bedrohung betroffene Aktive in der Flüchtlingsarbeit

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Wie gehe ich mit Einschüchterungsversuchen um? Wie kann ich mich und meine Gruppe schützen? Welche Strategie im Umgang mit Bedrohungen gibt es? Und wie löse ich das Dilemma Engagement für Geflüchtete gegenüber Schutz der eigenen Person auf?

Diese und viele andere Fragen beschäftigen die Teilnehmenden des Workshops „Willkommen in Deutschland? Praktische Unterstützung bei neonazistischen/ rassistischen Bedrohungen“ am 31.10. in Halle/ Saale in ihrer täglichen Auseinandersetzung mit Anfeindungen und Übergriffen. Sie alle arbeiten ehren- oder hauptamtlich mit Geflüchteten, engagieren sich in Willkommens-Bündnissen und antirassistischen Initiativen. Sie alle erleben Bedrohungen, Anfeindungen und Angriffe auf Grund ihres Engagements.

Luisa Seydel, Mitglied der Initiative „Hellersdorf hilft!“, steigt mittlerweile immer als eine der Letzten in die Straßenbahn oder den Bus. Sie verschafft sich so einen Überblick über die Fahrgäste in der Bahn und diejenige, die mit ihr zusteigen. Seit sie und Mitstreiter*innen öffentlich von Neonazis als Flüchtlingsunterstützer*innen geoutet wurden, nahmen Bedrohungen und Hasspostings für die junge Frau ungeahnte Ausmaße an.

Sie berichtet den Teilnehmer*innen des Workshops in Halle eindrucksvoll von den Strategien, die sie für sich und mit Hilfe der Mobilen Beratung Berlin, gefunden hat, mit dieser Bedrohung umzugehen. „Hellersdorf hilft!“ wählte den Weg in die Öffentlichkeit. Konsequent berichten sie über die Anfeindungen im Internet, über eine mangelhafte Feindbildbestimmung seitens des LKA Berlin, über Patronenhülsen vor ihren Vereinsräumen und über eine vorläufige Festnahme am Rande einer Neonazis-Demonstration.

Eine andere Perspektive eröffnet Alexander Hoffmann, Fachanwalt für Medienrecht. Er erläutert den Teilnehmenden juristische Wege um mit Bedrohungen, vor allem in den sozialen Medien umzugehen. Er berichtete den Teilnehmenden von den Schwierigkeiten, aber auch von den Möglichkeiten, die sich in der juristischen Verfolgung von Bedrohungen ergäben.

Mit dem Blick auf Beratungsangebote und -möglichkeiten beschäftigten sich anschließend zwei weitere Workshops. Der Bundesverband Mobile Beratung und der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V. berichteten aus ihrer Arbeit als Anlaufstellen für Betroffene von Bedrohung und Angriffen.

Die Teilnehmenden diskutierten rege und beschrieben ergreifend von ihren individuellen Erlebnissen und Hintergründen. Sie erzählen von den Ausgrenzungen im Heimatdorf, von Familienzerwürfnissen und kräftezehrendem Rechtfertigungsdruck im Beruf. Sie berichteten von den persönlichen Angriffen, den Beleidigungen, von zerstörten Fensterscheiben und Briefkästen.

Aber sie berichten auch vom Zuspruch, den sie erfahren. Teils von Fremden, teils von Geflüchteten. Es würden sogar neue Freundschaften entstehen, die über das Wegbrechen anderer Kontakte hinwegtrösteten, berichtet eine Teilnehmerin. Das Knüpfen von Solidaritätsnetzwerken zeige deutlich, dass man nicht alleine sei. Das täte für das persönliche Befinden sehr gut und mache Mut die Arbeit weiterzuführen.

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